Hörtext 9
^ Вверх

Hörtext 9

 

Sie hören jetzt eine Radiosendung. In der Sonntags-Reihe „Der Spaziergang" wird heute das Thema „Glück" behandelt. Die Journalistin Magdalena Schreiner befragt zu diesem Thema drei namhafte Wissenschaftler.

Zu diesem Text sollen Sie 10 Aufgaben lösen. Lesen Sie jetzt die fett gedruckten Fra­gen neben den Nummern 41 bis 50.

Hören Sie den Text zuerst einmal ganz. Danach hören Sie ihn in Abschnitten noch einmal.

 

Interviewerin: Glück - was ist das? Seit Menschengedenken, in allen Zivilisationen, in allen Gesellschaftsschichten sucht jeder nach dem Glück.

Was bedeutet Glück für die Menschen? Für den einen, dass er gerade noch den Bus erreicht hat. Für den anderen, dass er am Geburtstag allein zu Hause saß und plötzlich kommen Freunde herein und machen ein Riesenfest. Für andere wiederum, dass sie zusammen im Kreis sitzen, Musik hören und sich wohl fühlen. Und wieder für einen anderen, der lange um eine gute Stelle gekämpft hat und sich freut, dass er es plötzlich und unerwartet geschafft hat.

 

xxx

Mit Glück meinen wir natürlich das Glücksgefühl, den Zustand des Glücks, nicht den glücklichen Zufall, obwohl auch der eine wichtige Rolle spielen kann.

Liebe Hörerinnen und Hörer, in dieser Sendung wollen wir uns also diesem sehr menschlichen Thema widmen, mit dem sich schon unzählige Philosophen, Soziologen, Psychologen und vor allem Dichter auseinandergesetzt haben. Wie schon Goethe sagte:

„Es gibt ein Glück, allein - wir kennen's nicht. Wir kennen's wohl, und wissen's nicht zu schätzen."

Es ist uns gelungen, Angehörige verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zu finden, die sich bereit erklärt haben zu sagen, wie sie den Begriff Glück definieren. Zur Frage, wie Glück entsteht, wie man es findet, was die Menschen als Glück empfinden, äußern sich in unserem heutigen Interview eine Psychologin, ein Soziologe und ein Philosoph. - Keine Sorge, liebe Hörer. Unsere Gäste haben sich bereit erklärt, sich auch für den Laien verständlich auszudrücken, wofür wir natürlich sehr dankbar sind.

Nun zu unserem ersten Gast, Herrn Hans-Martin Hüttinger, seines Zeichens Soziologe. Bitte, Herr Hüttinger, was ist Glück?

Hüttinger: Um diese Frage und ähnliche Fragen zu beantworten, müssen wir den Menschen in seinem gesellschaftlichen Zusammenhang sehen. - Ach so, ich soll mich etwas weniger kompliziert ausdrücken. - Ich meine: ...müssen wir sehen, wie der Mensch lebt und in welcher Umgebung er lebt. Ich glaube, die Menschen haben Glück oder Unglück danach gefühlt, wie, unter welchen Bedingungen sie existieren. D.h., ob sie materiell gesichert sind oder Angst davor haben müssen zu verarmen. Für mich kommt Glück also aus der Zufriedenheit mit dem Leben. Umgekehrt ist der Mensch unglücklich, wenn er mit seinen Lebensumständen unzufrieden ist. Wenn er mehr erreichen will, aber nicht kann. Wenn er nach Besserem strebt, aber gehindert wird. Wenn er also mit dem nicht zufrieden ist, was er hat und was er ist.

Es gibt doch auch Menschen, die in unseren Augen irgendwo auf der Welt in ärmlichen Verhältnissen leben und trotzdem nicht unglücklich sind. Da kommt eines Tages der Fernseher ins Dorf und schon werden die jungen Leute unglücklich, wenn sie nicht das haben oder erleben dürfen, was ihnen am Bildschirm vorgegaukelt wird.

Unzufriedenheit und Unglück kann allerdings auch positive Wirkungen für die Gesellschaft haben. Es kann den Anstoß zur Veränderung, zur ökonomischen oder geistigen Entwicklung oder gar zu Revolutionen geben.

Mehr - glaube ich - kann ich nicht dazu sagen, denn Glück ist kein Begriff, den wir in unserem Fachbereich führen.

 

XXX

I: Danke. Frau Bühler. Was sagen Sie als Psychologin dazu?

Bühler: Also, zunächst mal möchte ich feststellen, wie nahe manchmal die Disziplinen Soziologie und Psychologie beieinander liegen. Denn ich kann genau an der Stelle anschließen, die ich für den Begriff Glück für ganz wesentlich halte: die Situation des Menschen in der modernen Gesellschaft.

In unserer Gesellschaft hat sich die problematische Situation entwickelt, dass der Einzelne, um es mal krass auszudrücken, dass der Einzelne Glück nicht aushalten kann. Sobald unser heutiger schnelllebiger Mensch Glück und Lust empfunden hat, ist es mit dem Glück vorbei. In vielen Fällen verliert er die Lust oder das Interesse und wenn er vorher glücklich war in einer Situation, fällt - wenn man so sagen will - das Glück auf Null-Niveau. Die Frage, warum das so ist, haben Sie auch schon angesprochen.

Ich kann nur sagen, dass ich in meiner Berufspraxis sehr oft mit Menschen zu tun habe, die unglaubliche Ziele und Ansprüche entwickelt haben. Damit meine ich nicht, dass sie nur irgendwelchen materiellen Besitz anstreben. Es hat sich die schlechte Angewohnheit entwickelt, dass man das, was man hat, zu gering achtet und ständig Neues haben muss, auch wenn das weit entfernt und fast nicht erreichbar ist.

Die Werbeindustrie und die Massenmedien natürlich sind - ich drücke das auch wieder vereinfacht aus - die Hauptschuldigen: die Suche nach immer neuem Glück wird stimuliert, geradezu angeheizt. Wenn dann die Menschen von sich und der Welt enttäuscht sind, steigert das die Lust am Konsum. Sie kennen das: Die Menschen, die ziellos in der Stadt herumlaufen, „Shopping gehen", wie das so schön heißt, einfach aus Illusion und um ihre Enttäuschung zu kompensie­ren.

Nun aber positiv: Was ist Glück? Ich möchte fast sagen, Glück findet man im einfachen Leben. Wenn man sein Glück gefunden hat, muss man es pflegen. D.h. auch, sich mehr in der Gegenwart aufzuhalten, die schönen Dinge um einen herum zu beachten und zu genießen, was man hat.

Ein altes Sprichwort sagt „Jeder ist seines Glückes Schmied", psychologisch gemeint hieße das: Jeder einzelne schafft sich selbst sein Glück oder zerstört es.

I: Das klingt aber sehr pessimistisch.

 

XXX

Vielleicht kann Professor Leitner, unser Philosoph, die Stimmung ein bisschen verbessern. Sagen Sie uns doch mal, Herr Professor, was muss ich machen, damit ich glücklich werde?

Leitner: Damit haben sich fast alle Philosophen befasst. Und ich möchte Ihnen das auf gar keinen Fall lang und breit erläutern.

Vor etlichen Jahren war ich auf einem Symposium der Siemens-Stiftung zu exakt dem Thema „Was ist Glück?". Und da war die Stimmung genauso gedrückt wie jetzt nach dem Motto „Das Paradies findet nicht statt".

Ich habe schon damals kurz meine These vertreten, die alle gesellschaftlichen und psychologischen Analysen nicht in Frage stellt, aber die eine quasi passive Haltung bedeutet. Von Ihnen, Frau Bühler, und von Ihnen, Herr Hüttinger, habe ich gehört, dass man etwas tun muss oder kann, damit man zu seinem Glück kommt. Ich glaube nicht daran. Ich glaube einfach nicht daran, dass ich das Glück zwingen kann, in mein Leben einzutreten. Ich kann es nicht kaufen, ich kann es nicht organisieren, ich kann es nicht herbeirufen. Es kommt, wenn es kommen will. Viele Menschen erleben das. Sie sind betrübt oder hoffnungslos enttäuscht und plötzlich kommt das Glück sozusagen „zur Tür herein", unangemeldet, unerwartet. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht.

Bühler: Man kann also Ihrer Meinung nach nichts dafür tun, um glücklich zu werden? Das ist mir zu wenig.

Leitner: Oh doch. Sie können sehr viel dafür tun. Man muss für das Glück bereit sein, man muss den Boden bereiten für das Glück, oder - abstrakter ausgedrückt - die Voraussetzungen dafür schaffen.

Also, lernen Sie, offen zu sein, vor allem offen zu sein. Sehen Sie sich um. Zeigen Sie etwas von sich. Öffnen Sie sich der Natur, der Musik. Atmen Sie ein, was Sie fühlen. Und vor allem versuchen Sie nicht, irgendetwas zu erzwingen.

Hüttinger: Und dann sitz' ich da und warte, bis das Glück zu mir kommt?

Leitner: Sie sagen es. Aber erwarten Sie nichts, planen Sie nichts, programmieren Sie nichts. Dann ist es vorbei. Und noch etwas zum Schluss: Wenn Sie all das richtig machen, ist das noch keine Garantie, heißt das noch nicht, dass das Glück zu Ihnen kommt. Aber es kann ...

I: Ich glaube, nach all dem, was wir gehört haben, dass wir es eigentlich nicht geschafft haben, herauszubekommen, was Glück ist. Jedes Mal, wenn wir glaubten, wir hätten es im Griff, war es auf einmal weg.

Leitner: Sehen Sie, so ist es. Sie können es einfach nicht zwingen.A