Hörtext 4
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Hörtext 4

 

Sie hören jetzt eine Radiosendung zur Sitzung des Nationalen Olympischen Komitees. Ziel der Sitzung ist es, über den Ort zu entscheiden, den die Bundesrepublik bei ihrer Bewerbung für die nächsten Olympischen Spiele ins Rennen schicken will. Zur Überraschung aller steht die Olympiabewerbung des Ruhrgebiets mit Köln, Dortmund, Düsseldorf usw. zur Diskussion. Hören Sie aus diesem aktuellen Anlass Interviews mit drei Bewohnern des Ruhrgebiets zu diesem Thema.

Zu diesem Text sollen Sie 10 Aufgaben lösen. Beachten Sie bitte: Die Reihenfolge im Text muss nicht der Reihenfolge der Aufgaben entsprechen. Lesen Sie jetzt die fett gedruckten Fragen neben den Nummern 41 bis 50. Lesen Sie auch das Beispiel mit Lösung.

Hören Sie den Text zuerst einmal ganz. Danach hören Sie ihn in Abschnitten noch einmal.

 

Interviewerin: Liebe Hörerinnen und Hörer, hier ist Ihre Ulrike Meinhardt. Als mehrfache Olympia-Teilnehmerin bin ich wahrlich vom Fach. Außerdem bin ich eine echte Pflanze aus dem Ruhrgebiet - aus Solingen. Und wir wollen jetzt mal Kommentare, Meinungen von drei ganz unterschiedlichen Leuten hören. Da ist zunächst mal Frau Vera Nienhoff, politisch aktiv tätig - ich darf doch sagen, wofür?

Nienhoff: Ja, natürlich.

I: Also, Frau Nienhoff ist Stadträtin für die Grünen in Wuppertal.

Und dann haben wir hier Herrn Severin, Geschäftsmann.

Severin: Ja, guten Abend.

I: Und - last but not least - Herrn Professor Armin Nägeli, seines Zeichens Tiefbauingenieur und Sachverständiger beim Straßenbauamt Dortmund. Ist das richtig so?

Nä: Ja, das ist richtig, merci vielmals. Aber das war schon zu viel der Ehre. Ich bin ja auch in dieser Olympia-Frage völlig neutral.

I: Ja, das macht ja nichts, im Gegenteil. Aber - fangen wir gleich mal an. Meine Frage an alle drei Anwesenden: Es hat ja bei der Vorrunde zur Bewerbung „Olympia im Ruhrgebiet" eine Menge Diskussionen gegeben, von Befürwortern und Gegnern. Was dann beschlossen wurde, können wir natürlich hier nicht mehr rückgängig machen. Trotzdem möchten wir gern von Ihnen wissen, was Sie von dieser Bewerbung halten bzw. grundsätzlich von dem Unternehmen Olympia. Und am besten fangen wir gleich mal mit Ihnen an, Herr Professor Nägeli, Sie sind ja - kann man so sagen - der Neutralste.

Nä: Ja, auf jeden Fall, aber zunächst mal wundere ich mich, warum Sie mich fragen. Als

Schweizer geht mich eigentlich gar nichts an, was die Deutschen machen.

I: Ja, aber Sie haben doch eine Menge Erfahrungen gemacht mit Olympia, oder?

Nä: Ja, bestimmt. Ich bin ein so genannter Tiefbauspezialist. Wenn für Olympia gebaut wird, dann wird meistens unterirdisch mindestens ebenso viel gemacht wie über der Erde.

Ich habe das gesehen, z.B. was da in Atlanta los war oder in Seoul. Es ist zwar mein Job, aber was da für ein einziges Ereignis angestellt wurde, das gibt einem schon zu denken.

Ganze Wälder wurden umgelegt, Menschen in Massen umgesiedelt. Das Gesicht der Landschaft, das hat sich total verändert. Und das nur, um die Infrastruktur für die Olympiade zu schaffen. Das sind also richtige Sachzwänge, die auf politischer Ebene manchmal auch ganz - muss man sagen - undemokratisch gelöst werden.

I: Also nur Nachteile?

Nä: Nein, das kann man so nicht sagen. Auf der anderen Seite - wenn man die Menschen hinterher gefragt hat - als die ganzen Bauarbeiten und dazu die Veranstaltung vorbei war - da waren manche natürlich ganz froh darüber. Z.B. gab es eine neue funktionierende U-Bahn, bequeme Straßen, neue Sportstadien - für das Volk oft sehr wichtig - und die Häuser, wo die Olympioniken wohnten, wurden zu Wohnungen gemacht oder zu Studentenheimen, wenn Sie z.B. an München denken nach der Olympiade.

I: Also, Sie meinen, das Unternehmen Olympia hat Nachteile, aber auch Vorteile.

Nä: Ja, bestimmt, es kommt darauf an, wen es betrifft. 

 

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I: Das ist ein gutes Stichwort für unseren zweiten Interviewpartner, Herrn Severin. Wie sehen Sie denn die Bewerbung für Olympia?

Severin: Völlig positiv. Es gibt natürlich manchmal - das ist bei allen Innovationen so -schmerzhafte Einschnitte, aber irgendwann erkennen die Leute, dass sie Vorteile so davon haben und sei es, dass sie zumindest zeitweise Arbeit finden. Aber ich möchte als Geschäftsführer unserer Firma SANO-VIT -

I: Oh, bitte, Herr Severin, keine Schleichwerbung.

S: Macht nichts, uns kennt sowieso jeder.

Also, wir profitieren natürlich von dieser Veranstaltung. Aber wir fördern auch den Sport, Sponsoring - verstehen Sie?

Ist ja auch klar, dass Sport den Konsum von gesunder Nahrung, von Milchprodukten fördert. Und für die Feiern und die Sportereignisse gibt es immer Festlichkeiten, die gehen immer damit einher. Aber kaum jemand hat Zeit, sich lange in die Küche zu stellen, wenn da um Medaillen gekämpft wird, dann sind wir mit unserer Gourmet-Tiefkühlkost voll im Trend.

Nicht zu reden davon, wenn die Deutschen mal wieder 'ne Medaille gewinnen, da knallen die Sektkorken! Und da sind unsere Produkte gefragt - woher darf ich jetzt wieder nicht sagen, aber der Normalbürger braucht deshalb nicht sein halbes Monatsgehalt in echten Champagner anlegen. Da sind wir qualitativ dicht dran, es

I: Das klingt aber stark, Herr Severin!

S: Nun werden Sie mal nicht ironisch, ja! Wir schaffen Arbeitsplätze, während andere nur darüber reden. Und der Sport ist für mich - egal, wer gewinnt - auch ein Wirtschaftszweig. Die wenigen, die noch dem alten olympischen Ideal nachhängen, die können wir vergessen. 

 

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I: Frau Nienhoff, Sie sind nun die ganze Zeit schon so unruhig, jetzt wollen Sie sicher auch mal was dazu sagen.

Ni: Und wie! Das Einzige, wo ich Herrn Severin zustimmen kann ist, dass Sport inzwischen völlig vermarktet ist. Wenn man sich alte Olympiafilme anschaut, kommen einem fast die Tränen. Wir - aber nicht nur die Grünen, sondern ich spreche da auch im Namen vieler anderer - ich mache hier natürlich auch keine Werbung - wir sind ganz bestimmt gegen Olympia im Ruhrgebiet. Mehr noch. Wir sind dafür, dass sich Deutschland diesem makabren Zirkus nicht anschließt.

S: Hören Sie mal! Sie sind wohl gegen Sport, was?

Ni: Keineswegs, Herr Severin, sondern wir sind für Sport im ursprünglichen Sinn, d.h. den Menschen Freude an der Bewegung zu verschaffen, den Schulsport zu fördern, Sport als gesunder Wettbewerb zwischen jungen Menschen - das ist ein Aspekt. Nun zum Kommerz, Herr Severin. Ich habe noch nie gehört, dass Olympiaden - dass dort, wo am Olympiagelände gebaut wurde, sich die Umwelt verbessert hat. Das ist die falsche Zielrichtung. Wir heizen mit solchen Wahnsinnsveranstaltungen, mit all diesen Riesensummen, die in dieses Unternehmen gepumpt werden, nur die Konkurrenz an. Und am Ende profitieren davon nur einige globale Konzerne. Und der Mensch und die Natur bleiben auf der Strecke. Aber, was rede ich. Das kennen Sie sowieso schon alles.

S: Mit dieser pessimistischen Haltung werden Sie immer den Fortschritt bremsen. Ich hab' da ein gutes Beispiel. Frau Meinhardt, Sie kommen doch aus Solingen, nicht?

I: Ja, gewiss.

S: Wissen Sie, heutzutage ist Solingen eine wichtige Industriestadt. Solinger Stahlwaren sind weltweit ein Begriff.

I: Und?

S: Ja, wissen Sie nicht, dass vor ungefähr 150 Jahren Iserlohn das Zentrum der Stahlproduktion war? Aber der Stadtrat von Iserlohn weigerte sich damals, dass die Eisenbahnstrecke mit Bahnhof nach Iserlohn gebaut wurde. Solingen nahm ihre Stelle ein und seither ist Iserlohn eine nette Kleinstadt, ein bisschen verschlafen ...

Ni: Und was bitte hat das mit Olympia zu tun?

S: Ganz einfach. Wenn uns z.B. Rom die Spiele wegschnappt, da gucken wir ganz schön in die Röhre. Aber unsere Firma ist da flexibel, wir bleiben trotzdem am Ball

Ni: Und Sie verlagern dann mit Ihrer Firma Ihre Produktion nach Italien.

S: So direkt wollte ich nicht sagen, dass wir ...

I: Oh, ich bekomme gerade ein Zeichen. Entschuldigung. Unsere Sendezeit ist leider um. Fr. Nienhoff, Herr Severin, Herr Prof. Nägeli, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch. Danke, dass Sie hier waren. Kommen Sie gut nach Hause.

I: Liebe Hörerinnen und Hörer, Sie sehen, ein ganz heißes Eisen, das wir hier aufgegriffen haben.

Jetzt möchten wir Sie aber bitten: Wir wollen Ihre Meinung wissen. Und zwar rufen Sie uns bitte an. Morgen zur gleichen Zeit. Die Nummer ist: 0221-360 8448. Ich wiederhole die Nummer, die Sie auch auf Ihrer TV-Tafel 123 finden: 0221 für Köln, dann 360 8448. Geben Sie uns also Ihre Meinung. Morgen diskutieren wir nämlich zum gleichen Thema mit Sportlerinnen und Sportlern, die es eigentlich wissen müssen. Und dazwischen blenden wir live Ihre Kommentare ein. Ich freue mich schon darauf und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.